Ein Foto, drei Frauen, drei Geschichten


Hier finden Sie  Texte zu Fotografien, die wir  während des Lockdown im November 2020 aufgenommen haben. Zu ein und demselben Foto schreibt jede von uns ihre ganz eigene Geschichte. Bleiben Sie neugierig, besuchen Sie uns wieder, wir freuen uns darauf!

Geschichten zum Foto 

von Monika Bloch

Johnta
Johnta riss die grünen Augen auf, sein ganzer Körper zitterte. „Nein, nicht schon wieder“, schimpfte er. Noch roch die Luft im Pfeiler der alten Eisenbahnbrücke nach dem sauren Atem, den schwefligen Fürzen und dem kalten Rauch des krummen Hundes (der langen, dünnen Zigarre) des alten Brückenpfeilerwärters. Die Türe fiel quietschend und sehr langsam ins Schloss, der Schlüssel wurde gedreht. Also Alarm, Alarm!

 

Wieder hatte der Alte es nicht geschafft, die richtigen Knöpfe zu drücken, um in der Nacht die Signalanlagen auf der Brücke automatisch zu schalten. Johnta schloss die Kabel, die in seinen Händen lagen, kurz (was ganz schön knifflig war) und der Motor begann zu brummen. Langsam startete er zu seinem Rundflug im Brückenpfeiler, justierte dort und da einen Hebel, drückte zwei weitere Knöpfe und verscheuchte das Fledermauspaar, das sich schon gemütlich in einen der Balken gehängt hatte. 

 

Er gönnte sich eine zusätzliche Runde, ganz oben im Pfeiler, dort, wo viel Platz für Kapriolen war.  Er konnte die frische Luft draußen erahnen, erinnerte sich schwach an die Sterne, die er vor langer Zeit gesehen und nicht vergessen hatte. Und er war sich sicher, dass ihm irgendwann der richtige Satz einfallen würde, der seine Tätigkeit hier beenden würde, die Zauberworte, die ihm entfallen waren. 

 

Monika Bloch

Phantasos, der Meeresrobi                         
Konrad hat furchtbare Angst vor morgen. Er kann nicht einschlafen. Wie soll er da morgen früh, an diesem so wichtigen Tag, fit und ausgeschlafen sein? 

Konrad verbringt den Sommerurlaub mit seinen Eltern am Meer in einem Hotel mit Pool. Auf den Schwimmkurs, den er dort besucht, hatte er sich schon lange gefreut. Zuhause kann  er dann seinen Kindergartenfreunde imponieren, wenn er beim nächsten Besuch im Freibad ohne Flügerl ins Freischwimmerbecken köpfelt! Konrad will endlich kein Feigling mehr sein, das wird er ihnen beweisen.

Zum Abschluss des Schwimmkurses müssen alle Kursteilnehmer morgen auch noch im Meer schwimmen. Um sie darauf vorzubereiten, ist der Trainer heute mit ihnen an den Strand gegangen und hat ihnen Interessantes über das Schwimmen im Meer erzählt. Was wichtig ist, was gefährlich sein kann und worauf man aufpassen muss. Wenn Konrad morgen das Schwimmen im Meer ohne Hilfsmittel und auch eine kurze Prüfung über die Schwimmregeln besteht, bekommt er das kleine Seepferdchen verliehen. Dann ist er ein geprüfter Meeres-Schwimmer! Konrad hatte bis zu diesem Moment ganz vergessen, dass er sich entsetzlich vor den Meeresuntieren fürchtet, die in der Tiefe hausen und ihn hinunterziehen könnten. Und als der Trainer dann auch von einer unsichtbaren Strömung erzählte, welche die Schwimmer in einem Wasserwirbel einsaugen können, brach in Konrad panische Angst aus, vor morgen und ganz besonders vor dem Meer. Diese Angst bemerkte jemand, der dafür speziell ausgestattet ist, das Oktopusweibchen Athena, denn Kraken können Angstschweiß riechen. Als Konrad mit den Füßen zaghaft ein paar Schritte ins Meer ging, war Athena sofort alarmiert und ihr war klar: Diesen Fall muss Phantasos übernehmen, da kann nur er helfen. Der kleine Roboter macht sich daher am Abend sofort auf den Weg und schwups, schlüpft er auch schon in Konrads Träume. Er kommt auf seinem Unterwassermotorseepferd geritten, winkt Konrad fröhlich entgegen und lädt ihn ein, mitzukommen. Konrad ist begeistert von allem, was Phantasos ihm zeigt: den knallroten Seetomaten, den anmutig in der Unterwasserströmung tanzende Seeanemonen und auch dem Seeigel mit den langen spitzen schwarzen Stacheln. Bunte Fische winken ihnen zu, als sie vom Meeresboden an die Meeresoberfläche reiten. So schaute es hier unten aus, das ist doch wunderschön, nicht wahr, Konrad? erkundigt sich Phantasos bei Konrad. Dieser nickt seinem neuen Freund strahlend an. Und morgen, wenn du die Schwimmprüfung im Meer hast, bin ich wieder hier herunten und passe auf dich auf, einverstanden? Ja! Jetzt hat Konrad keine Angst mehr! Kommst du mit mir an den Strand, lädt Konrad Phantasos ein, ihn zu begleiten. Nun flackern die kleinen lustigen Roboteraugen plötzlich panisch auf. An die Oberfläche trau ich mich nicht! Aber warum?, will Konrad von seinem neuen Freund wissen, der doch so mutig durch die Meere reitet. Ich habe Angst vor der Luft! Konrad schaut ihn ungläubig an und grinst belustigt. Was bitte soll dir denn an der Luft passieren? Dort beginne ich zu rosten, und dann zerfalle ich in meine Einzelteile, erklärt ihm der kleine Roboter. Das hätte sich Konrad nicht gedacht, dass sogar ein Roboter Angst hat! Ich glaube, jetzt kann ich dir helfen, freut sich Konrad. Wenn ich dich lackiere, dann kann dich die Luft nicht rosten lassen, das ist wie Einschmieren gegen Sonnenbrand. Ja, so machen wir das! Morgen nach der Schwimmprüfung lackiere ich dich, einverstanden? Einverstanden!

Eva Heimböck

Im Ruhestand 

Lass mal rechnen: Wie lange habe ich mehreren Herren treu gedient?  Es war ein schönes Motorrad, rot mit schwarz und viel Chrom. Blitzblank waren die Teile um mich herum geputzt. Ich dagegen wurde in der Werkstatt, die ich zwischenzeitlich sehr gut kannte, einmal im Jahr, doch in den letzten Jahren etwas öfter auf meinen "Geisteszustand" untersucht. Aber jedes Mal war, nachdem sich einige schwarze und schmierige Hände an mir zu schaffen gemacht hatten, alles wieder gut. Im Winter hatte ich Urlaub. Konnte mich endlich ausruhen. Doch sobald die ersten Sonnenstrahlen durch die blinden Fensterscheiben der Garage auf mich schienen, wusste ich, dass es bald wieder losgehen würde. 

Ich sauste alle Kurven die Berge hoch und runter. Zunächst im Schwarzwald, Feldberg, Belchen, Schauinsland, Kandel kannte ich schon in- und auswendig. Dann wurde es interessanter. Es ging in die Schweiz, an vielen Seen vorbei, hoch auf die Pässe und dann auch nach Österreich.

Heißa, war das ein Spaß! Mein letzter Herr war besonders waghalsig. Er nahm die Kurven so eng, dass er mit seinen Knien auf dem Asphalt entlangschrappte. Dabei wurde mir schon etwas angst und bange. Dachte schon manchmal daran, einfach meinen Dienst zu verweigern. Doch was wäre dann mit mir geschehen? Auf dem Schrottplatz wollte ich nicht landen. Niemals! 

Irgendwann aber hatte er die Geschwindigkeit überschätzt. Bergab flog er aus einer Kurve. Mir wurde schwindelig, alles drehte sich um mich herum, bis ich endlich am Fuße einer großen Tanne landete. Ich war allein. Die Teile um mich herum gab es nicht mehr und mein Herr, er hatte es nicht überlebt. 

Später wurde ich mit schwerem Gerät herausgezogen. Was jetzt? Ich hörte, dass ich auf den Schrott sollte. Das konnte ich nicht zulassen. Ich nahm all meine restliche Energie zusammen und erzeugte damit zwei kleine grüne Lichtchen. 

Die Menschen um mich herum waren völlig verwirrt. Nun wurde ich interessant. Viele kamen, um diese Sensation zu sehen. Ein Kunststudent war so begeistert von mir, dass er noch an mir herumbastelte und mir den Namen Robbi gab. So kam ich wohlbehütet in einen Glaskasten. Dieser steht in einem Tunnel unter dem Bahnhof. Ich blinke, zwinkere jetzt jedem zu, der an mir vorbeigeht. Ab und zu werde ich auch fotografiert. Der Ruhestand gefällt mir.

 

 Margit Gelhard

Geschichten zum Foto 

von Margit Gelhard

Mit langen Beinen stapft er dem Waldrand entlang. Energisch, schon fast wütend. Alles, was sich im Herzen aufgestaut hat, fließt durch die langen Beine in die großen Schritte, durch den Laubteppich, direkt in die kalte, feuchte Erde: Enttäuschung und aufgestaute Gefühle, geronnenes Harz und dieses tiefe Gefühl von verloren Sein. Das hätte er nie gedacht, dass er so gehen würde. Wie viele Jahre stand er da, zuverlässig, mit großem Blätterdach im Sommer Schatten spendend? Wie oft rieb sich der kleine Esel den Rücken am Stamm und räkelte sich wohlig, wenn all die Insekten, der Staub und die Fusselchen aus dem Fell auf den Boden fielen. Nun floss es doch, das Harz aus den Poren und es knarzte in den Hauptästen. 

 

Er dachte an den Moment zurück, wo die große Tanne mit dem Helikopter angeflogen kam und an das große Loch, das die drei Männer schon vorbereitet hatten. Es schauderte ihn. Riesig stand der neue Baum da, mächtig die Äste ausbreitend und dann wurde sie geschmückt. Lichterketten, Lametta, Kartonherzen von den Kindern aus dem nahen Kindergarten, Geschenkpäckchen farbig verpackt von den Größeren aus dem Schulhaus am Bach und viele weiße Papiersterne. Der Samichlaus und seine beiden Schmutzlis stießen vor Eifer kleine Atemwölkchen aus und in den Augenwinkeln gefror ein Tränchen, vor Freude über die ganze Pracht. Die ausladende Tanne ließ das Samichlaushäuschen klein erscheinen, doch das Glitzern der Lichter und die geschmückten Äste, zeigten allen, dass dies ein ganz besonderer Ort war.

 

Aber er, er hatte genug und machte sich auf den Weg ohne auch nur einmal zurückzublicken. Wie glatt und ebenmäßig war sein Stamm, wie dicht und licht die Äste, die sich jetzt ohne Blätter verschlungen und gut sichtbar am Himmel abzeichneten und in der Nacht sogar die Sterne durchschimmern ließen.  

 

Sein Wurzelwerk scharrt ein bisschen im Laub – wäre hier oder dort ein neuer Platz um Heimat zu finden? Er bleibt stehen, schaut sich in Ruhe um und will sich Zeit lassen, erneut Wurzeln zu schlagen.

Monika Bloch

Der Mann 

 

Ach, das glaube ich jetzt nicht! Hast Du auf mich gewartet? 

All die Jahre lang?

Dachte, ich würde Dich nie wiedersehen, da Du immer nach den jungen Mädchen und Frauen Ausschau gehalten hattest, wäre vielleicht ein eifersüchtiger Mann auf die Idee gekommen, Dich kurzerhand zu ... Na ja, ich wollte es mir nicht ausmalen. Desto größer ist jetzt meine Freude, Dich hier noch anzutreffen. Darf ich Dich fotografieren? Du bist einfach immer noch wunderschön. Klar, vor dreißig Jahren warst Du noch etwas schlanker, doch jetzt - das steht Dir! Du fragst Dich sicher, warum ich Dich damals einfach stehen ließ und nie wiederkam. Ich hatte meine Gründe. Du erinnerst Dich, ich hatte Dir einige meiner Freunde vorgestellt und einfach Angst, dass Du mir das übelnehmen würdest. Und dann bekam ich ein Jobangebot, welches ich nicht ausschlagen konnte und zog fort von hier. Glaube mir, es war mir nicht leichtgefallen, Dich hier allein zurückzulassen, doch ich hoffte, dass eine andere Dich an meiner Stelle besuchen käme und Du mich nicht so sehr vermissen würdest. Ich bin viel in der Welt herumgekommen, habe aber nie einen ähnlichen Mann, wie Dich gefunden. Vergessen hatte ich Dich nie. 

Deinen Namen hattest Du mir damals nicht verraten. Tust Du es jetzt? Ach, Du heißt also Borke mit Nachnamen, schöner Name! Nein, einen solchen Mann habe ich weder in Afrika, noch in Asien oder sonst irgendwo kennengelernt. Du bist absolut einzigartig. 

Freust Du Dich eigentlich, dass ich Dich hier besuche, obwohl jetzt ein Zaun um Dich herumsteht, der Dich sicher vor mir schützen soll? Der Zaun ist für mich kein Hindernis. Er interessiert mich nicht. Ich laufe meine alten Wege ab und wehe, es kommt mir jemand dumm. 

Schade, aber ich habe heute noch eine größere Strecke vor mir. Entschuldige bitte und sei mir nicht böse. Ich bin so froh, dass es Dir gut geht und ich Dich wiedergefunden habe. Ganz bald werde ich wieder vorbeikommen, versprochen. Ich wohne jetzt ganz in Deiner Nähe. 

Bitte, warte auf mich!

Margit Gelhard

Den Bäumen lauschen


Karin schloss die Augen und wartete, welches Bild sich ihr heute zeigen würde. Sie genoss diese Stunde bei ihrer Therapeutin, um in neue Schichten ihres Bewusstseins einzutauchen und ihre Probleme für kurze Zeit loszulassen. 

 

Mama hatte ihr zu Weihnachten einen Gutschein für fünf Besuche bei Manu geschenkt. Sie war der Meinung, dass Karin dringend therapeutische Unterstützung und Entspannung benötigte. Zuerst war Karin richtig sauer gewesen, was bildete sich Mama eigentlich ein? Das war wieder typisch: So durch die Hintertür ins Haus fallen, nichts anzusprechen, und Karin indirekt vorschreiben, was sie zu tun hatte. Nämlich das, was Mama als gut und sinnvoll empfand. Drei Monate hatte der Brief mit dem Gutschein am Schuhkasten im Vorraum unter der roten Keramikdose gelegen. Als sie wieder einmal der Rappel packte und sie ihre Wohnung gründlich zusammenräumte, fiel ihr der Brief in die Hände. Sie hatte ihn total vergessen. Verdrängt, würde Manu dazu sagen. Hatte Mama ihre die Trennung von Fabian geahnt?? Und ihr in weiser Voraussicht die Gutscheine geschenkt? Vielleicht war Mama doch einfühlsamer als sie es bisher angenommen hatte. 

 

Auch heute kam wieder dasselbe Bild wie letztes Mal: Karin trug ein weites, helles Kleid, ging durch einen Buchenwald und setzte sich unter einen besonders alten Baum. Diesmal hatte sie dabei das Gefühl, als ob er mit ihr reden wollte. Als sie Manu von diesem Bild erzählte, ermunterte die Therapeutin sie, den Baum zu fragen, was er von ihr möchte. Zu ihrer größten Verwunderung tat sie es und kam sich nicht blöd, Fabian hätte bescheuert gesagt, vor. 

Als sie wieder zuhause war, nahm sie sich vor, der Anregung des Baumes zu folgen. Sie schrieb das, was sie sich am meisten wünschte, auf einen Zettel, verbrannte ihn in einer Schale und suchte sich in einem nahe gelegenen Wald einen Baum, der ihr besonders zusagte. Unter ihm verstreute sie die Asche des Zettels, setzt sich und wartete, an den Baumstamm gelehnt. Und wirklich, sie fühlte, dass der Baum ihr zu ihr sprach. 

 

Bei ihrem nächsten Besuch im Wald hatte sie daher einen Notizblock und ihre Kamera dabei, fotografierte Bäume, Rindenstrukturen, Blätter, alles, was ihr gefiel und sie bisher noch nie beachtet hatte. Die vielen Gedanken und Anregungen, die ihr hier unter den Bäumen wie von selbst aufs Papier flossen, ergänzten die wunderbaren Fotos und sie getraute sich, ihren geheimen Wunsch wahr werden zu lassen, ihr erstes Buch zu schreiben: „Den Bäumen lauschen“.

     

Eva Heimböck



Geschichten zum Foto 

von Eva Heimböck


Stell dir vor, dir geht ein Licht auf…


In drei Wochen ist Einreichtermin für eine Kurzgeschichte. Die ist Voraussetzung, dass Karin im Herbstsemester einen Platz im Seminar „Kurzgeschichten schreiben“ zugeteilt bekommen könnte. Nur die zehn besten werden genommen. Nun lag das Bild vor ihr, dass ihr der Zufallsgenerator als Input zugeteilt hatte. Lampen waren darauf zu sehen, die drinnen, aber doch irgendwie im Wald zu hängen schienen. Cool, hatte Karin gedacht und das Foto an den Bildschirm auf ihrem Schreibtisch gelehnt. Das ist kein Problem, ich liebe solche Bilder, die die Phantasie anregen, wo noch alles möglich ist.

Von den drei Wochen waren nun schon 18 Tage vergangen. Das Foto lehnte immer noch am Bildschirm, allerdings war Karins Freude darüber mittlerweile unsäglichem Frust gewichen, der sich in den letzten Tagen in Selbstbeschimpfungstiraden über sie ergoss. Mir fällt nichts ein, dieses blöde Seminar, warum habe ich mir ausgerechnet das ausgesucht, ich kann doch gar nicht schreiben, schluchzte Karin in ihren Lieblingspolster, den mit dem Katzenkopf und den abstehenden Ohren aus grauem Filz. Im nächsten Moment boxte sie darauf ein und schleuderte ihn in die Zimmerecke. Ich werde was anderes studieren! Nun war die Wut draußen und all ihre Energie aus ihr gewichen. Sie saß in sich zusammengesunken vor ihrem Schreibtisch, das Foto lehnte immer noch am Bildschirm, so, als ob es warten würde, bis Karin sich endlich mit ihm beschäftigt. Und was soll ich nun da für eine Geschichte schreiben?? Über Lampen, die im Raum, aber irgendwie im Wald hängen? Wer denkt sich so was Blödes aus?

Karin nahm das Foto in die Hand, drehte es hin und her, in der Hoffnung, dadurch zu einer Geschichte inspiriert zu werden. Doch dann öffnete sie die Schreibtischlade, holte die kleine silberne Bastelschere heraus und schnitt die Lampen inklusive Kabel aus. Das restliche Foto landete im Papierkorb. Stell dir vor, es geht das Licht aus, sag was würdest du dann tun.. summte sie dabei vergnügt den alten Schlager vor sich hin. Die ausgeschnittenen Lampen fädelte sie auf einen rot-weiße Mezgerschnur auf, spannt sie durch Zimmer und war zufrieden. Bled kannst sein, aber z’helfen muast da wissen, fiel ihr Opas Lieblingsspruch ein. Stimmt, grinste sie glücklich. Ich lass das Seminar sausen, hat mich eigentlich eh nicht interessiert. Mama wollte immer, dass ich was aus meinem Schreibtalent mache. Nein, aus mit dem Schreiben, dem Germanistikstudium, so was Brotloses! Danke ihr lieben Lampen, jetzt ist mir ein Licht aufgegangen. Ich werde euch in meiner Biografie als meine erste Installation anführen!

Ich gehe ab Herbst auf die Kunstakademie tippe sie in ihr Handy, drückte auf senden und schaltetet sofort offline. Sie war Mama keine Erklärung mehr schuldig.

Eva Heimböck

Familie Lampe macht Rast beim Abendspaziergang

 

Sie waren schon eine ganze Weile unterwegs, die Lampes mit ihren Freunden. Alle vier Kinder, schon ganz zerzaust vom Spielen im Wald, gaben sich ungeduldig. „Lasst uns doch mal eine Rast einlegen und ein bisschen auftanken“, schlug Vater Lampe vor. Da vorne ist doch gleich ein geschützter Unterstand, da lässt es sich gut verweilen. Die Lampes und ihre Freunde fuhren die Kabel aus und hängten sich in die Vorrichtungen an der Decke. Sie schwangen leise in der leichten Brise. „Wie tut das gut“, meint Mutter Lampe, „endlich einmal ausspannen und ein anderes Umfeld haben. Man wird ja ganz kirrewitt, den ganzen Tag nur am gleichen Ort zu hängen und nichts zu tun zu haben. Und dann am Abend, gleich immer diese Hektik, dieses auf Zack sein und sofort ein Leuchten in die Birne bringen, das bringt mich mal noch um.“ Sie schaukelte energisch hin und her. „Der Krauskopf hängt schon wieder am langen Kabel! Er ist so verspielt. Nimmt mich wunder, wie lange das geht, bis er das mit der richtigen Kabellänge raus hat. Es ist ja nicht so, dass wir alle unsere Kinder gleichschalten müssen, aber so ein bisschen sich einfügen ins Gehänge, das müsste so langsam doch drin liegen. Ich hoffe, doch sehr, dass er sich bei den anderen das eine oder andere bei deinen Beiden abguckt“, meint ihre Freundin. „Mal ein bisschen mehr Abwechslung als diese ewigen Waldspaziergänge würde uns auch gut tun,“ setzt Vater Lampe ein, „ich denke immer, die Flutlichter, die haben es gut. Die haben es geschafft, sind da wo die Kohle rollt, wo so richtig die wichtigen Leute sind. Aber da hätten wir mit mehr Power unterwegs sein müssen, dafür ist es jetzt zu spät – nicht zu ändern, aber trotzdem zu bedauern.“ Die Erwachsenen schweigen, schaukeln und schauen in die Abenddämmerung. Bald wird es Zeit, sich für den Heimweg abzukabeln.

Monika Bloch

Illusionen

 

Nicht immer ist das, was wir sehen, auch wahr. Selbst Tiere machen sich das Phänomen der Sinnestäuschung zunutze, indem sie sich ihrer Umgebung perfekt anpassen, um ihre Verfolger zu verwirren oder dadurch Beute zu machen. 

 

Eine afrikanische Sage erzählt von einem Schmetterling der auf der Flucht vor einem Vogel in ein Mopane-Wäldchen flatterte. Erschöpft musste er sich auf einem Blatt niederlassen und wäre völlig verloren gewesen, hätten sich in diesem Moment nicht die Blätter in die Form eines Schmetterlings verwandelt. Er war gerettet. 

 

In Botswana fuhren wir in einem Landrover einen Kilometer hinaus auf einen Salzsee ohne eine Spur zu hinterlassen. Um uns herum war alles nur noch weiß. Unvermittelt hielt der Fahrer an und meinte: "So, und wer findet jetzt wieder zurück?" Die Geschichte über sein Erlebnis vor einem Jahr, als das Fahrzeug langsam einsank und sie nur mit großer Mühe wieder herauskamen, überhörten wir lieber. In der Ferne meinten wir Büsche zu erkennen und deuteten in diese Richtung. Nun völlig konzentriert fuhr er weiter, die Büsche aber kamen nicht näher. Wir waren der Fata Morgana in die Falle gegangen. Ohne einen Kompass wären wir wohl verloren gewesen. 

 

In New York hatte ich die Gelegenheit, eine Galerie zu besuchen, in der die berühmte japanische Künstlerin, Yayoi Kusama ihre Bilder, textile Skulpturen und Installationen für kurze Zeit ausstellte. In der Warteschlange erzählte hinter mir ein Mann aus Neuseeland davon, dass er am Vortag vier Stunden in eisiger Kälte und Schneesturm gewartet hatte, um für nur eine Minute in den Infinitiy-Room gelassen zu werden. So nahm ich die halbe Stunde Wartezeit, die jetzt vor mir lag, frierend in Kauf. Endlich im Gebäude, durften nur immer vier Personen für diese 60 Sekunden in den Raum, vor dem wir nun erwartungsvoll saßen. Die Türe öffnete sich und schon war ich umhüllt von roten Kugeln, ging aber zögernd ein paar Schritte weiter, ohne irgendwo anzustoßen. Es gab kein Unten, kein Oben mehr, kein rechts oder links. Die Farbe änderte sich auf weiß, gelb, blau, grün, dann wieder rot. Viel zu schnell war das Spektakel wieder vorbei. Draußen musste ich mich erst wieder neu orientieren. In einen anderen Raum wurden ebenfalls nur wenige Besucher hineingelassen. Bis auf eine, in der Mitte schräg nach oben-gerichtete, blau leuchtende Leiter war alles um mich herum vollkommen schwarz. Unsicher bewegte ich mich Richtung Licht, dessen Farbe auch hier wechselte. Erst als ich direkt danebenstand, war ich nicht mehr allein. Ein Blick nach unten gab uns das Gefühl, in ein Loch gezogen zu werden. Die Leiter schien ins Endlose zu gehen. Magische Erlebnisse, allein durch die geschickte Einstellung von Spiegeln. 

 

Die optische Täuschung, erst 1889 wurde sie vom deutschen Psychiater und Soziologen Franz Müller-Lyer entdeckt. Wir finden sie in vielen Bereichen des Lebens. 

Unsere Sinne sollten immer auf der Hut sein. 

 

 Margit Gelhard